Tempelhof im Wandel der Geschichte
Aus den Jahren 1776/77 stammt der heute noch in Marienfelde erhaltene und in unserem Jahrhundert überwiegend eingerohrte "Königsgraben". Sein Bau wurde durch Friedrich den Großen veranlasst. Die damit erfolgte Regulierung von Schmelz- und Regenwasser machte 1801 die Aufteilung der Feldmark - anstelle der Dreifelderwirtschaft - und damit die Einführung rationeller Bewirtschaftung möglich. Ab 1844 entstand hier durch Adolf Kiepert ein Mustergut, welches 1929 von der Stadt Berlin erworben worden ist. Um 1800 hat Tempelhof 241, Mariendorf 162, Marienfelde 148 und Lichtenrade 112 Einwohner. 1826/27 wurde das Tempelhofer Feld vom preußischen Staat
gekauft und endgültig Truppenübungsplatz und Paradefeld preußisch-deutscher
Militärmacht. Das Gelände sollte aber zum Ende des 19. Jahrhunderts Tempelhof zu einem
Bekanntheitsgrad verhelfen, der später sogar als Mittelpunkt des Weltinteresses galt: Mit
tollkühnen ersten Flugversuchen nutzen Pioniere der Luftfahrt das Tempelhofer Feld. Der
Maler Arnold Böcklin wagt sich 1883 mit einem motorlosen Flugzeug an den Start, jedoch
ohne Erfolg. 1897 verunglücken der Luftschiffkonstrukteur Wölfert und sein Mechaniker
mit ihrem von einem Benzinmotor angetriebenen Luftschiff. In diesem Jahr endet die erste
Fahrt des Österreichers Schwarz mit seinem Aluminiumluftschiff tödlich. In einer anderen
Ecke des Tempelhofer Feldes haben sich Männer inzwischen einer anderen
"Sportart" gewidmet; mit "Germania 1888" gründen sie den ersten
Fußballclub Deutschlands. 1920 wurde Groß-Berlin gebildet, eine einheitliche
Stadtgemeinde, zu deren 13. Verwaltungsbezirk Tempelhof die vier Landgemeinden Tempelhof,
Mariendorf, Marienfelde und Lichtenrade zusammengefasst wurden. Nach Fertigstellung des neuen Zentralflughafens (1939), dessen Geschichte über Jahre hinweg ein Spiegelbild der Geschichte der Weltluftfahrt war, galt Berlin-Tempelhof als Verkehrsluftkreuz Europas. Nach dem Zweiten Weltkrieg stand der Flugplatz Tempelhof noch einmal im Blickpunkt des Weltinteresses: Während der von der Sowjetunion in der Zeit vom 28. Juni 1948 bis 11. Mai 1949 verhängten Blockade der Westsektoren Berlins versorgte die von den westlichen Schutzmächten organisierte Luftbrücke unsere Stadt mit 2 326 205 Tonnen lebensnotwendigen Gütern. Bei diesem größten Lufttransportunternehmen in der Geschichte fanden 40 Briten, 31 Amerikaner und fünf Deutsche den Tod. Vor dem jetzt nicht mehr als Zentralflughafen, sondern als Regionalflughafen dienenden Flughafen Tempelhof steht das 1951 zu Ehren der Opfer der Blockade errichtete Luftbrückendenkmal, dessen drei nach Westen geneigte riesige Betonrippen die ehemaligen drei Luftkorridore nach Berlin symbolisieren. Eine Gedenktafel am Flughafengebäude erinnert an den US-General Lucius D. Clay, der als Hauptorganisator der Luftbrücke den Berlinern unvergessen bleiben wird. Zeitweilig parallel mit der geschichtlichen Entwicklung des Tempelhofer Feldes, mit Kaiserparaden und Luftfahrtpionierleistungen, wurde bereits im 19. Jahrhundert der Grundstein für die Anbindung an Berlin und für den wirtschaftlichen Aufschwung Tempelhofs gelegt, denn unser Bezirk gilt heute als zweitgrößter Industriebezirk der Stadt. Seit dem Jahr 1838 führte die Chaussee Berlin-Dresden durch Lichtenrade mit regem Verkehr in Richtung der Hauptstadt. Im Jahr 1875 wurden weitere neue Möglichkeiten für den Verkehr erschlossen. Die Pferdebahn fuhr nach Tempelhof, und die Berlin-Dresdner-Eisenbahn ersetzte den Postverkehr auf der Landstraße. Durch die Eröffnung des Teltowkanals (1906), auch durch die Anschlußgleise der Neukölln-Mittenwalder Eisenbahn gefördert, entstand zu beiden Seiten des Kanalufers ein Komplex industrieller Anlagen. In dem Industriegebiet am Teltowkanal (und südlich der Ringbahn) an der Dresdner Eisenbahnlinie - im Grenzbereich von Mariendorf/Marienfelde - sowie in dem ab 1966 wachsenden Industriegebiet an der Motzener Straße in Marienfelde haben in den letzten Jahrzehnten Unternehmen von Weltrang ihre Produktionsstätten errichtet. Insgesamt rund 8000 Gewerbebetriebe unterstreichen die Rolle Tempelhofs als bedeutender Industrie- und Handwerksbezirk in Berlin. Nach Beendigung der Blockade galt Tempelhof aufgrund seiner großen Baulandreserven als wichtiger Aufnahmebezirk und bot von den Nachkriegsjahren an bis in die siebziger Jahre mehr als 75.000 Menschen einen neuen Lebensmittelpunkt. Die Einwohnerzahl wuchs im gesamten Bezirk auf über 190.000 an.Mit dem Fall der Mauer kam neues ”Leben” auch nach Tempelhof, weil sich die Menschen wieder hinüber und herüber besuchen können und für frische Impulse sorgen. Für frische Impulse sorgte auch die Berliner Gebietsreform. Im März 1998 beschloss das Abgeordnetenhaus ein umfangreiches Reformpaket zur Modernisierung der Berliner Verwaltung. Teil dieses Reformpaketes war die Verringerung der Berliner Bezirke von 23 auf 12. In der Folge fusionierte zum 01.01.2001 der Bezirk Tempelhof mit dem Bezirk Schöneberg zum neuen Bezirk Tempelhof-Schöneberg. Der Bezirksbürgermeister hat seinen Sitz nunmehr im weltberühmten Rathaus Schöneberg, das jahrzehntelang Sinnbild für den Freiheitswillen der Berliner Bevölkerung war. Von hier aus ”regiert” er nun den 5.310 ha großen Bezirk mit seinen rund 334.000 Einwohnern (Stand November 2004). |